Agrar-Ethik

Landwirtschaftliches und forstwirtschaftliches Handeln erzeugt nationale und internationale soziale, ökologische und ökonomische Konflikte zwischen Interessengruppen.

Ethische Normen sind eine Konflikt-Reduktions-Strategie.

Die Agrarethik (und entsprechend die Forstethik) formuliert kein neues universelles ethisches Konzept, sondern sucht Wege zur Operationalisierung von Standards richtigen Handelns in der land- und forstwirtschaftlichen Pflanzenroduktion. Zertifizierungssysteme können Dokumentationen ethisch richtigen Handelns im Agrar- und Forstbereich sein.

Ansatzpunkt für gesellschaftlich wirksamen Wandel in der Intention des Handelns ist das Unternehmen mit seiner spezifischen Kultur.

Teile dieser Darstellung sind veröffentlicht von Meier, Carstensen und Feldmann (2010): "Auf dem Weg zu einer Agrarethik mit Hilfe von Produktionsstandards.

1 Konflikte

[zurück zum Anfang]

»Als technische und wirtschaftliche scheinen alle Probleme planetarisch zu werden«, äußert sich bereits 1932 Karl Jaspers in seiner Kulturkritik. Die geistige Situation der Zeit und schuf damit die Grundlegung des Begriffes „Globalisierung“. Es habe auf dem Planeten längst ein »Prozess der Nivellierung« begonnen, fügt er hinzu »den man mit Grauen erblickt« (Jaspers, 1932). Der Zweite Weltkrieg schien die Befürchtungen Jaspers in vollem Umfange zu bestätigen. Nach dem Krieg trat die Welt in eine neue, nie da gewesene Phase der Interaktion ihrer Staaten ein, die bis heute anhält und die neben ungeahnten Chancen massive Krisen mit sich gebracht hat. Befürworter schwärmen denn auch von grenzenloser Freiheit und atemberaubenden Kooperationsmöglichkeiten, Kritiker sprechen von dem Dreigestirn Globalisierung - Macht - Krise (Bayram 2009).

Da die Globalisierung Prozesse in allen Bereichen (Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt, Kommunikation usw.) berührt, verstärken sich globale Beziehungen auf der Ebene von Individuen, Gesellschaften, Institutionen und Staaten gleichermaßen. Durch einen zunehmenden Standortwettbewerb geraten Nationalstaaten verstärkt in wirtschaftliche Konkurrenz zueinander. Eine Steigerung der globalen Produktion führt zu einer vermehrten Umweltbelastung, die von Einzelstaaten nicht allein gelöst werden können. Moderne Industriezweige benötigen heute für ihre spezialisierten und qualitativ hochwertigen Waren weltweite Märkte, die die Nachfrage ihrer heimischen Volkswirtschaft übertreffen. Schwellenländer haben durch relativ niedrige Löhne bei relativ niedrigen Lebenskosten die Möglichkeit, Anschluss an die Weltwirtschaft, Wirtschaftswachstum und verhältnismäßigen Wohlstand zu erreichen. Andererseits führt Marktöffnung und Ausrichtung für Weltmärkte oft zu drastischem Strukturwandel, dessen Schattenseite der Niedergang nicht international wettbewerbsfähiger Branchen in bedeutendem Umfang sein kann.

Entwicklungsländer, die von politischer Instabilität, mangelhafter Rechtssicherheit und unzureichender Infrastruktur geprägt sind, können in der Regel selbst bei niedrigsten Löhnen kaum produktive Auslandsinvestitionen anziehen. Auf diese Weise sind Entwicklungsländer häufig vom Globalisierungsprozess ausgeschlossen, was ihre Rückständigkeit noch verstärkt. Es sind vor allem wettbewerbsfähige land- und forstwirtschaftliche Produkte aus Entwicklungsländern, denen limitierte Marktzutrittschancen in Industrieländer gewährt werden.

Produzierende Unternehmen, der Handel und das Finanzwesen entwickeln sich zunehmend als weltweit agierende Akteure, die die unterschiedlichen Arbeitskosten-, Investitions-, Steuer- und sonstige Bedingungen in den unterschiedlichen Ländern zu ihren Gunsten innerhalb des Unternehmens zu nutzen wissen. National operierende kleinere Unternehmen, die diese Möglichkeiten zunächst nicht haben, sind durch die Konkurrenz international operierender Unternehmen vielfach in ihrer Existenz bedroht. Als Gegenreaktion wird der Druck auf einzelne Akteure, z.B. auf Länder, erhöht, sich zu regionalen Wirtschaftsräumen zusammenzuschließen. Mit der Zunahme der Verflechtungen zwischen den Gesellschaften entwickeln sich neue Ansprüche an die Zusammenarbeit zwischen Staaten. Verschiedene internationale Organisationen (UNO, FAO, OECD usw.) sind Ausdruck der Globalisierung und prägen ihre Gestalt. Es gibt darunter Organisationen mit einer großen Bandbreite von Aufgaben ebenso wie sehr spezialisierte Organisationen. Ihre Ziele können sich widersprechen.

Land - und Forstwirtschaft sind Wirtschaftszweige von besonderer Brisanz: die Erträge ihres Handelns bilden die Lebensvoraussetzung an sich für die gesamte Menschheit. Dadurch gibt es keinen anderen Wirtschaftszweig, der so unersetzlich ist und der so direkte Auswirkung auf alle Lebensbereiche des Menschen hat wie dieser. Angewiesen auf Boden, Wasser und die Diversität pflanzlichen Lebens, kann nur der verantwortungsvolle Umgang der Land- und Forstwirtschaft mit den begrenzten und wertvollen Ressourcen unserer Welt die Instabilität ökologischer, ökonomischer und sozialer Lebensbedingungen durch Raubbau und unverantwortliche Übernutzung verhindern (UNO 1992).

Die Internationalisierung der Land - und Forstwirtschaft verknüpft insbesondere ärmere und reichere Länder. Einem Entwicklungsland etwa, das ohne ausreichende Rohstoffe am Welthandel teilnehmen möchte, bleibt fast nur der Raubbau an seiner natürlichen Umwelt aus der forstlichen Nachfrage heraus oder die Ausrichtung seiner Landwirtschaft nach den Bedürfnissender reicheren Importländer. So kommt es, dass z.B. Thailand in der europäischen Winterzeit Erdbeeren für den europäischen Markt herstellt und versucht, diese am falschen Ort und zur falschen Zeit produzierten Früchte mit einem Übermaß an Pflanzenschutzmitteln aufzuziehen, was direkte Konflikte mit dem Verbraucherschutz in den Importländern erzeugt. Auch ganz anders gelagerte Interessenkonflikte - z.B. qualitativ hochwertige Güter für die eigene Bevölkerung oder für den Export zuerst - werden stets zugunsten des Exports entschieden. So entstehende Landnutzungskonkurrenzen, gewaltsamer Landvertreibungen, Zerstörung ökologisch wertvoller Gebiete, globale Monopolisierung von Lebensmittel und Tierfutter oder Genompatentierungen, zeigen das oft eklatant unverantwortliche Handeln einer großen Zahl von Akteuren in den Prozess- und Produktketten der Land- und Forstwirtschaft auf.

Die Suche nach friedlichen Lösungen von Konflikten in der internationalen Land- und Forstwirtschaft erfordert ganz allgemein neue Formen des Dialogs zwischen unterschiedlichen Interessengruppen, die sich in ökologischen, kulturellen und sozio-ökonomischen Spannungsfeldern gegenüberstehen. Zur Überwindung der Krise bedarf es einer Änderung im Wertesystem der Wirtschaft und des Denkens, das bisher die Grundlage unserer Handlungen darstellte. Begriffe wie “Gewinn” und “Verlust” müssen neu definiert werden. Statt nur begrenzten Interessen zu dienen, müssen die Vermögenden begreifen, dass der Nutzen für die Gemeinschaft die Basis eines für sie selbst profitablen Wirtschaftsmodells darstellt. Die Diskussion um moralisch motiviertes Handeln in der Agrarwirtschaft auf der Grundlage ethischer Prinzipien rückt so verstärkt ins Blickfeld.

Die komplizierten Entwicklungen infolge der Globalisierung haben sehr einfache, menschliche Ursachen: den natürlichen Drang zu egoistischem Handeln, das sich umso mehr gegenüber dem Anderen verantwortungslos zeigt, je weniger kulturelle Zusammenhänge es gibt, die durch gesellschaftliche Bindungen geknüpft und aufrecht erhalten werden. Hinzu kommt die individuelle, latente Angst, von anderen benachteiligt zu werden. So erkennt Vollmer (2007) in einer angewandt philosophischen Analyse verschiedene Kategorien der Neigung zu ethisch richtigem Handeln bei den Menschen: die Ich-Zuerst-Kategorie, die er als anti-ethisch bezeichnet, das Egoistische-Gen-Konzept, nach dem zwischen (Bluts-) Verwandten ideale ethische Verhältnisse herrschen, und von da an eine immer schwächer werdende innere Verpflichtung bzw. ein abnehmendes Verantwortungsbewusstsein gegenüber distanzierteren Clans, Landsmannschaften, regionalen Gruppen, Nationen, Kulturen, der Menschheit, allen Leidensfähigen, allen Lebensformen usw.

Diesem unbewussten Empfinden, aus dem sich spontan nicht-verantwortungsbewusstes Handeln entwickeln kann, setzt der Mensch generell seine Fähigkeit zur Bewusstmachung und Erkenntnis entgegen und leitet aus ihr die Notwendigkeit von richtigem, „gutem“ Handeln nach moralisch definierten Regeln ab. Durch den Akt der Verantwortungsübernahme gelingt ihm der Brückenschlag zu (unbewusst) weit entfernt Scheinendem: seine Auswirkungen verantwortlich zu gestalten wird von ihm ebenso akzeptiert wie ihm seine Verantwortung klar wird, einem (noch kaum gefühlten) Klimawandeln entgegenzuwirken. Im Grunde fällt ihm durch eine in der Natur sehr weit verbreitete kooperative Grundhaltung, die im oben genannten Clan-Denken begründet ist, der Schritt zur Zusammenarbeit auch mit weiter entfernt lebenden Kulturen leicht, wenn er nur vorab zur Erkenntnis gelangt, dass Stabilität für ihn selbst und seine Familie dann entsteht, wenn alle Beteiligten eines Prozesses glaubwürdige Handlungen nachhaltig zeigen und für die Zukunft erwarten lassen. Aus der kooperativen Grundhaltung heraus entstehen über Zwischenformen letztlich mutualistische Beziehungen, die zu beiderseitigem Vorteil gereichen. Nichts anderes steckt hinter der von Habermas (1991) vorgeschlagenen Diskursethik.

Wie aber schafft man in einer sich explosionsartig globalisierenden Welt die Etablierung vernünftigen verantwortungsbewussten Handelns? Mehr noch als irgendwo sonst treffen in der internationalen Land- und Forstwirtschaft unterschiedlichste Kulturen aufeinander, Menschen mit außerordentlich unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen und Sozialisierungswegen. Allein dieser Aspekt bereits bedingt ein sehr einfühlsames Aufeinanderzugehen, um ein gedeihliches Miteinander nachhaltig zum Nutzen beider Seiten zu gestalten.

In diesem Beitrag beschäftigen wir uns deshalb mit der Frage nach den Kennzeichen einer Agrar- und Forstethik einerseits. Wir beleuchten die Rolle einer Unternehmenskultur und -ethik beim Umgang mit anderen Akteuren in der internationalen Land- und Forstwirtschaft und skizzieren bereits als Werkzeuge zur Implementierung gewünschten Verhaltens das Beispiel von Zertifizierungssystemen aus dem Land- und forstwirtschaftlichen Bereich.

2 Ein Lösungsmodell

[zurück zum Anfang]

Die Suche nach einvernehmlichen Lösungen von Konflikten in der internationalen Land- und Forstwirtschaft erfordert neue Formen des Dialogs zwischen unterschiedlichen Interessengruppen, die sich in ökologischen, kulturellen und sozio- ökonomischen Spannungsfeldern gegenüberstehen. Im Wertesystem der Wirtschaft müsste beispielsweise “Gewinn” und “Verlust” so definiert werden, dass der Nutzen für die Gemeinschaft die Basis eines für Unternehmen profitablen Wirtschaftsmodells darstellt anstatt nur eigenen Interessen zu dienen. Die Diskussion um moralisch motiviertes Handeln in der Agrar- und Forstwirtschaft auf der Grundlage ethischer Prinzipien, die der Allgemeinheit dienen, rückt so verstärkt ins Blickfeld.

Wenn wir von einer Agrarethik (und entsprechend von einer Forstethik) sprechen, so meinen wir damit Anforderungen an Akteure im Bereich des land- und forstwirtschaftlichen Produzierens und Agierens, die sich aus Grundsätzen eines übergreifend von vielen Gesellschaftsteilen als moralisch richtig empfundenen Handelns ableiten lassen. Dies kann beispielsweise die Einhaltung der allgemeinen Menschenrechte sein oder die Befolgung von Richtlinien im Sinne einer ökologisch orientierten und sozial ausgerichteten Nachhaltigkeit. Die angelegten Kriterien einer Agrarethik dienen der Bewertung eines spezifischen Handelns sowie seiner zugrunde liegenden Motive und abzusehenden Folgen in gut und schlecht, bzw. erwünscht und nicht erwünscht im Hinblick auf diese zugrunde gelegte Agrarethik. Solch eine praxisorientierte Ethik vermittelt über je kulturspezifische Werte und Normen Orientierungen für angemessene Handlungen in spezifischen Situationen, ohne detaillierte Handlungsanweisungen zu geben.

Kulturen, um eine kurze Andeutung des hier zugrunde gelegten Verständnisses des Begriffes aus ethnologisch-kulturwissenschaftlicher Perspektive zu geben, bilden sich aus den spezifischen Antworten, die eine Gruppe von Menschen auf die Herausforderungen ihrer jeweiligen Um- und Innenwelten entwickelt und tradiert. Kulturen basieren damit auf Wissen, welches sich in kulturspezifischen Handlungen und Gegenständen manifestiert und schließt auch religiöse Vorstellungen und Ethiken ein. Dieses Wissen ist häufig so internalisiert und wird als so selbstverständlich erachtet, dass es uns erst als solches bewusst wird, wenn es z. B. in Zeiten großer Krisen oder durch Anstoß von außen (neue Gesetze) in Frage gestellt und mit alternativen Handlungsmöglichkeiten konfrontiert wird.

Entsprechend sind Kulturen nie statisch, so dass sich beispielsweise ihre Wirtschaftssysteme und monetären Strukturen als Ergebnis sozialer und ökonomischer Prozesse ändern können. Der Begriff Kultur bezieht sich in dieser Bedeutung auf die eigene Gesellschaft und deren erkennbare Untergruppen, "Sub"-Kulturen wie z.B. Unternehmen.

Spätestens seit der “Konferenz für Umwelt und Entwicklung“ in Rio de Janeiro 1992 und den mit ihr verbundenen Leitbildern und Prinzipien im Rahmen der Agenda 21 ist deutlich, dass nur ein tiefgreifender Bewusstseinswandel im ökologischen und sozialen Handeln unsere Lebensgrundlagen nachhaltig sichern kann und in den Wertekanon der Kulturen Eingang finden muss.

Dieser Herausforderung der Erhaltung der menschlichen Lebensgrundlagen muss sich verstärkt auch die internationale Agrar- und Forstwirtschaft stellen, um Produktionsprozesse z. B. mit Hilfe von Ethikmanagementsystemen umwelt- und sozialorientiert im Sinne der Nachhaltigkeit zu gestalten. Konkrete Standards und Kriterienkataloge werden schon seit Jahren erfolgreich in die land- und forstwirtschaftliche Praxis integriert, weil sie sich als wirksam im Hinblick auf die erwünschten Verhaltensänderungen erwiesen haben. Mithilfe von Produktionsstandards wurden in den letzten 10 Jahren Strukturen geschaffen, die helfen sollen, eine nachhaltige Land- und Forstwirtschaft so umzusetzen, dass die Ressourcen sowohl optimal genutzt als auch geschützt und Menschenrechte geachtet werden – und das bei einer möglichst hohen Produktivität. Es hat sich jedoch gezeigt, dass eine Umsetzung umwelt- und soziarelevanter Standards häufig in Konflikt mit anderen unternehmensinternen, in der Regel ökonomischen Anforderungen steht, die vorrangig betrachtet werden. Um die in diesem Beitrag als notwendig angesehenen gewünschten Werte der Nachhaltigkeit (verstanden als Ergebnisse gesamtgesellschaftlicher Diskurse über Werte, die die Gesellschaft identitätstiftend zusammenhalten) zumindest gleichrangig in einer Unternehmenskultur zu etablieren bedarf es steuernder Instrumente, wie sie z. B. Prioritätsregeln (s. Lenk, in diesem Buch) fordern.

Im Zusammenhang mit der verlässlichen und nachvollziehbaren Steuerung von Handlungen haben private Interessengruppen erfolgreich auf integrierte, standardbasierte Zertifizierungssysteme gesetzt, sodass heute große Teile der Lebensmittel- und Holzproduktion nach ausgewählten Standards zertifiziert sind. Auch der Gesetzgeber hat die Vorteile von Zertifizierungssystemen erkannt. Normative staatliche Vorgaben zur Zertifizierung nach Standards wurden z.B. von der EU und Deutschland für nachwachsende Rohstoffe verabschiedet. Das novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) (Biomassestrom-Nachhaltigkeitsverordnung) trat am 24. August 2009 in Kraft. Eine Ausweitung der gesetzlichen Auflagen auf die Lebensmittelproduktion wird erwogen.

Um einer normativen Ethik, die in ihrem Kern eine langfristig auf Nachhaltigkeit ausgerichtete, den Erhalt unserer Lebensgrundlagen anstrebende und sozial gerechte Wirtschaftsweise aufweist, zur allgemeinen Anerkennung zu verhelfen, muss sie Teil des allgemeinen Wertekodes der jeweiligen Kultur, wie z.B. spezifischen Unternehmenskulturen, werden. Diese Arbeit soll jene Möglichkeiten analysieren, die sich mit standardbasierten Zertifizierungssystemen im Rahmen einer Agrar- und Forstethik als ein mögliches Instrument ergeben können.

3 Unternehmenskultur

[zurück zum Anfang]

Die entscheidenden Akteure in der Land- und Forstwirtschaft sind einerseits Unternehmen (mit ihren Mitarbeitern) in der Produktion, andererseits Unternehmen, die den Weg des Rohstoffes zum Produkt über Lagerung und Handel zum Endverbraucher begleiten.

Ein Unternehmen existiert niemals isoliert, es ist immer in einen Kontext eingebettet und geprägt durch die kulturellen Identitäten seiner Gründer und Mitarbeiter. Seine Unternehmenskultur ist immer auch eine Subkultur der "über ihr liegenden" kulturellen Ebenen. Durch diese ist sie mitgestaltet und in sie eingebettet – wenn von außen neue Werte und Anforderungen an das Unternehmen herangetragen werden, muss es sich diesen Herausforderungen stellen. Genauso prägen aber auch die in Unternehmen geltenden Werte und Standardisierungen diese „übergeordnete“ kulturellen Ebenen, da ja die Träger der Kultur, die im Unternehmen tätigen Menschen, diese nicht einfach an der Betriebspforte ablegen können und sie gleichzeitig Angehörige dieser oberhalb der Unternehmenskultur analysierten kulturellen Einheit sind.

In Ausweitung der oben bereits gemachten Anmerkungen zur Kultur sind unter der Kultur eines Unternehmens die "gewohnten und tradierten Weisen des Denkens und Handelns im Unternehmen, wie sie in mehr oder minder starkem Maße von allen Mitgliedern geteilt werden", zu verstehen. Kultur ist die "Lebenswelt des Unternehmens", die "Gesamtheit der (für ihre Mitglieder) vertrauten Selbstverständlichkeiten der betrieblichen Alltagspraxis: ihre tradierten Wissensvorräte und Hintergrundüberzeugungen, Denkmuster und Überzeugungen, Wertvorstellungen und Verhaltensnormen, die im Denken, Sprechen und Handeln der Unternehmensangehörigen regelmäßig zum Ausdruck kommen und bewusst oder unbewusst 'kultiviert' werden" (Ulrich, 1990).

Auch ein Unternehmen (in Analogiesetzung zum Menschen) muss sein Denken und Handeln in Übereinstimmung bringen. Im Rahmen einer Corporate Identity-Strategie sind mit Denken die Unternehmensphilosophie und Leitbilder gemeint, während ein darauf schlüssig abgestimmtes Handeln die Bereiche Corporate Behavior (konkrete Verhaltensweisen), Corporate Design (Erscheinungsbild) und die Corporate Communication (Kommunikation nach außen und innen) umfasst (Achterholt 1991).

Grundlage allen Handelns ist dabei eine bewusst gemachte Unternehmensphilosophie, eine Art „Verfassung“ des Unternehmens. Diese beinhaltet neben Gedanken zu Unternehmenszweck und –ziel z.B. auch Managementprinzipien, Einstellungen zu Gewinn, Wachstum, Wettbewerb, die Verantwortung gegenüber Anspruchsgruppen (Stakeholders) und gegenüber der Umwelt (Achterholt 1991).

Im Leitbild werden die daraus abgeleiteten konkreten Grundsätze ge- und erklärt. Zu ihnen gehören neben ökologischen, sozialen, technologischen, gesamtwirtschaftlichen, politischen auch ethische Grundsätze, an denen sich das Handeln der Mitarbeiter ausrichten sollte. Oft sind Leitbilder als Zielvorstellung gedacht und weniger als Ist-Zustand, d.h. das tatsächliche Verhalten kann sich zum Zeitpunkt der Formulierung noch erheblich von der Wunschvorstellung unterscheiden.

4 Unternehmensethik

[zurück zum Anfang]

Um diese Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu überbrücken, bedarf es spezieller Implementierungsprogramme, denn nichts prägt das Image eines Unternehmens so sehr wie das tatsächliche Handeln der Mitarbeiter, nach innen wie nach außen. Nur formulierte, aber z.B. aus Kostengründen nicht umgesetzte problembewusste Ansprüche offenbaren dann die angesprochene Nicht-Übereinstimmung von Denken und Handeln. Dabei ist eine gelebte Unternehmensethik, sofern sie sich mit gesellschaftsweit akzeptierten ethischen Grundhaltungen in Übereinstimmung bringen lässt, eine Investition, die u.&xnbsp;a. eine Verbesserung der Wettbewerbsposition und die Erhöhung von Marktanteilen zur Folge haben kann (Dettmann, 2005).

Zwar sind Ethiken und die mit ihnen verbundenen Wertvorstellungen und moralischen Ansprüche immer kulturgebunden entstanden, also in einem zeitlich und räumlich begrenzten Kontext, und können daher aus ihrem Entstehungszusammenhang nicht als universell und a priori für die gesamte Menschheit gültig betrachtet werden. Sie können aber als erwünschte und z.B. als für das menschliche Überleben notwendige Maxime gesellschaftsübergreifend mit unterschiedlichen Methoden zur Geltung gebracht und als Grundlage von Handlungen etabliert werden.

Kohlhof (2002) hat eine solche Ethik, die als Grundlage der Bewertung im Sinne einer Agrarethik dienen könnte, folgendermaßen beschrieben: „Unternehmensethik äußert sich als ein Bestandteil eines Kultur- und Weltverständnisses, das sich in Ehrfurcht vor dem Leben, menschlicher Solidarität, einer gerechten Wirtschaftsordnung und Toleranz, Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit ausweist.“

Die Umsetzung dieser Richtlinien kann allerdings zu Wertekonflikte führen, wenn es darum geht, diese in anderen Gesellschaften durchzusetzen, bei denen sich aufgrund anderer Bedingungen Kulturen mit anderen (gesellschaftlichen) Wertvorstellungen gebildet haben. Hier gilt es dann Wertentscheidungen zu Gunsten der einen oder der anderen Option zu treffen.

Zur Implementierung einer bestimmten Ethik in Unternehmen, z.B. entlang einer Produktionskette, eignen sich Ethikmanagementsysteme, mit deren Hilfe sich Werte und Normen etablieren lassen. Vor ihrer freiwilligen Einführung ist es zunächst wichtig, die gegebene (IST-) Situation des Unternehmens zu beurteilen und anschließend Ziele, Selbstverpflichtungen und Verantwortlichkeiten gegenüber den Betroffenen und der Gesellschaft zu formulieren. Aus diesen Absichtserklärungen heraus wird ein Ethik-Leitbild (Code of Ethics) entwickelt und über innerbetriebliche Veranstaltungen unter Einbeziehung aller Mitarbeiter konkret mit Leben gefüllt. Über „Ethik-Audits“ wird die Umsetzung im Unternehmen (nach innen als auch nach außen) durch formale Bewertungen und Befragungen geprüft und beurteilt, und eventuelle moralische Defizite des Unternehmens aufgedeckt.

Deutlich weiterführend und konkreter ist die Bewertung unternehmerischen Handelns auf der Grundlage von exakt definierten Standards und Kriterien im Rahmen eines Zertifizierungssystems, wobei ihre konkrete Anwendung im Betrieb auch ohne die Einführung eines Ethikmanagementsystems möglich ist. Es hat sich jedoch gezeigt, dass es sehr hilfreich ist und zur Glaubwürdigkeit beiträgt, eine solche zu etablieren und ein Unternehmen damit, angeführt vom Management, mehr Selbstverantwortung demonstriert.

Die Land- und Forstwirtschaft ist hier in einer besonderen Verantwortung - sie dient zwar primär der Ernährung und der Produktion nachwachsender Rohstoffe, ist darüber hinaus aber Kulturträger und ein wichtiger sozio-ökonomischer Faktor in ländlichen Räumen (Friedel & Spindler, 2009; Nethöfel & Meier, 2009). Da sie die Umwelt als Produktionsfaktor nutzt, muss sie sich diese unbedingt erhalten, um sich nicht selbst ihre existentielle Grundlage zu entziehen. Diesen großen Aufgaben standen und stehen Probleme gegenüber, die aus verantwortungslosem und unethischen Handeln zur schnellen Gewinnmaximierung herrühren: beispielhaft seien hier nur chemische Rückstände im Erntegut und Grundwasser, nicht artgerechte Tierhaltung und -transporte und im internationalen Kontext Primärwaldrodungen für Soja, Zuckerrohr und Ölpalmen, Sklavenhaltung oder Kinderarbeit genannt. Allein diese Problemfelder und ihre oft spezifischen Lösungsmöglichkeiten rechtfertigen den Bereich der Agrarethik als eigenständigen Wissenschafts- und Handlungsbereich zu definieren (Kaatsch et al., 2009), um Brücken vom philosophisch-ethischen Anspruch hin zu einer Umsetzung in der landwirtschaftlichen Praxis zu bauen.

5 Die Zertifizierung im Agrarbereich unter Berücksichtigung agrarethischer Standards und Kriterien

[zurück zum Anfang]

Als Zertifizierung werden Prüfverfahren (Audit) bezeichnet, nach dessen erfolgreichem Abschluss ein Zertifikat ausgestellt wird. Das Prüfverfahren erfolgt in der Regel auf der Grundlage festgelegter Prinzipien, Standards oder Kriterien, die zu erfüllen sind. Zertifizierungen werden also durchgeführt, um eine Leistung glaubwürdig zu dokumentieren und sind Instrumente zur nachvollziehbaren Produktion auf der Grundlage von Standards.

Der entscheidende Impuls zur Zertifizierung der landwirtschaftlichen Produktion und seiner Produkte auf der Grundlage zuvor festgelegter Standards kam von NROs (Nichtregierungsorganisationen) infolge der „Rio-Konferenz“ und später vom Lebensmittelhandel. Beide suchten nach Möglichkeiten, die land- und forstwirtschaftliche Produktion im Sinne eines nachhaltigen Wirtschaftens zu beeinflussen, da das Vertrauen in die Produkte, die Produktionsweisen und in staatliche landwirtschaftliche Kontrollbehörden verloren zu gehen drohte, zumal es in vielen Ländern, die am globalen Handel teilnahmen, kaum Kontrollbehörden gab. Der Lebensmittelhandel forderte die Rückverfolgbarkeit der Herkunft eines Produktes, seine Schadstofffreiheit und die Einhaltung sozialer Mindeststandards. NROs forderten Nachhaltigkeit, Transparenz und mindestens die Einhaltung der Prinzipien der Agenda 21 und der Konventionen der ILO (International Labour Organisation).

Heute kooperieren NROs und Handel mit den Produzenten, beispielsweise bei der Erstellung von Standards und Kriterien und durch die gegenseitige Anerkennung der Zertifizierungssysteme. Zertifizierungssysteme verschiedenster privater Interessengruppen auf der Basis weltweit entwickelter und angewandter Standards und Kriterien haben sich in der internationalen Agrar- und Forstwirtschaft inzwischen etabliert. Die gemeinsame Weiterentwicklung etablierter Zertifizierungssysteme geschieht aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnis, Erfahrungen in der land- und forstwirtschaftlichen Praxis, der Zertifizierungspraxis und neuer gesellschaftlicher Anforderungen. Ständig neue Anforderungen bedingen dabei ein sich aus sich heraus fortentwickelndes System der Qualitätsverbesserung (Feldmann 2007).

Eine Überprüfung der Einhaltung von Standards erfolgt durch unabhängige Prüfer. Manche Zertifizierungssysteme vergeben bei erfolgreichem Audit ein Siegel (Label), insbesondere dann, wenn der Endverbraucher informiert werden soll. Einige Systeme sind nur für den internen Warenverkehr gedacht. Sie entfalten darin ein hohes Maß an Wirksamkeit, ohne dem Verbraucher bekannt zu sein (s. 4.4, z. B. GLOBALGAP).

5.1 Entwicklung von Standards und Kriterien

[zurück zum Anfang]

Die Standards und Kriterien einer normativ wirkenden Einrichtung legen fest, in welchem Rahmen in festgelegten Problemfeldern ein Unternehmen, das sich freiwillig einem Zertifizierungssystem anschließt, zu agieren hat. Der Standard legt eine Handlungsweise in der land- und forstwirtschaftlichen Produktion fest; das Kriterium ist der Parameter, der im Audit, z. B. durch eine Checkliste, geprüft wird. So besagt beispielsweise ein Standard, dass keine hoch toxischen Agrarchemikalien benutzt werden dürfen und was darunter zu verstehen ist. Das Erfüllungskriterium legt fest, wie der Standard im Unternehmen zu prüfen ist.

Standards und Kriterien sollen transparent nach außen und praktikabel sein. Sie sollen so fair sein, dass es jedem beteiligten Partner möglich ist, sie erfolgreich anzuwenden. Wird einem Partner (z. B. einem landwirtschaftlichen Betrieb) das kriteriengerechte Handeln nicht oder nur unzureichend ermöglicht, würde die moralische Grundnorm, dass ein Partner nicht handlungsunfähig gemacht werden darf, verletzt.

Standards und Kriterien sollen jedoch auch einen tatsächlichen Fortschritt im nachhaltigen unternehmerischen Handeln festlegen; sie können über gesetzliche Vorgaben hinausgehen oder sie konkretisieren. Die Schwierigkeiten bei der Standard- und Kriteriengestaltung liegen also in der Ausgewogenheit zwischen berechtigter Nachhaltigkeitsanforderung und praktisch-ökonomischer Umsetzbarkeit unter den gegebenen, oft sehr unterschiedlichen Bedingungen. Sie müssen, wenn sie selbst nicht moralisch angreifbar werden sollen, einvernehmlich zwischen den Partnern ausgehandelt werden.

Die Anforderungen von Standards gehen oft über die gesetzlichen Regelungen eines Staates hinaus. Dieses insbesondere dann, wenn ein Staat nur geringes Interesse an einer genaueren Regelung hat, vermeintliche Regelungen bewusst unverbindlich gehalten oder internationale Regelungen von einem Staat nicht oder nur unzureichend umgesetzt werden. Insofern haben Zertifizierungs-Standards sogar grenz- und staatenübergreifend einen regulativen Charakter und können die sozio-ökonomischen und ökologischen Gegebenheiten eines Staates beeinflussen, weil nicht der Staat der Akteur ist, sondern zivilgesellschaftliche Organisation oder Unternehmen.

5.2 Grundlagen heutiger Standards

[zurück zum Anfang]

Nachhaltigkeitsstandards basieren auf ratifizierten internationalen Abkommen mit definierten Zielen, Leitbildern, nicht konkretisierten gesetzlichen Vorgaben und speziellen Interessen jener Organisation, die den Standard setzt.

Die Standards zur sozialen Nachhaltigkeit haben ihre Grundlagen in den Prinzipien der „International Labour Organisation“ (ILO) und in der „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte („Deklaration der Menschenrechte“ oder der „UN-Menschenrechtscharta“) vom 10. Dezember 1948.

Die Standards der ökologischen Nachhaltigkeit leiten sich aus allgemein und international akzeptierten wissenschaftlichen Erkenntnissen ab, von staatlichen normativen Zielsetzungen, Leitbildern politischer Vereinbarungen und praktischen Erfahrungen. Standards in der Agrar- und Forstwirtschaft fußen auf weltweit geführten Diskussionen mit den unterschiedlichsten Interessengruppen über die „Gute Anbau-Praxis“ (GAP), die „Beste Anbau-Praxis“ (BAP) oder spezieller landwirtschaftlicher Programme mit sozialer oder ökologischer Zielsetzung.

Dem globalisierten Handel mit Agrargütern und vor allem NROs ist es zu verdanken, dass die GAP und BAP sektor- oder kulturpflanzenspezifisch und weitgehend ohne staatliche und internationale Organisationen definiert wurden und ständig überarbeitet werden. Die Standards wirken also konkretisierend, sind dadurch normsetzend und werden durch einen zuvor stattfindenden Diskurs der Betroffenen sowie der freiwilligen Teilnahme des Unternehmens legitimiert. Durch die ständige Erprobung der Standards in der Praxis Tausender Unternehmen und durch die enge Anbindung an Zertifizierungsorganisationen mit ihren Auswertungsmöglichkeiten werden diese Standards einer kontinuierlichen Prüfung unterzogen, deren Ergebnisse wieder Eingang in die Praxis finden. Die Zertifizierung ist dadurch ein ständig weltweit die Standards überprüfendes, also ein in sich lernendes, System.

Die Problemfelder in der Produktion, zu denen Standards entwickelt wurden, sind weitgehend bekannt. Die wissenschaftlichen Grundlagen für die Entwicklung von Prüfstandards zur Umsetzung einer sozial- und umweltorientierten Agrar- und Forstwirtschaft sind weitgehend vorhanden. In allen entsprechenden Kriterienkatalogen befinden sich Umweltstandards zum Bodenschutz, Pflanzenschutz, Düngung, Gewässerschutz, Abfall, Naturschutz und inzwischen auch zum Klimaschutz in unterschiedlicher Strenge.

Bewährt hat sich bei der Entwicklung von Standards für land- und forstwirtschaftliche Zertifizierungsverfahren ein umfassender internationaler und offener Diskurs zwischen den beteiligten Parteien (Landwirtschaft, Handel, Wissenschaft, zivilgesellschaftliche Organisationen). Daneben haben sich Fachgremien bewährt, die die fachlich wissenschaftlichen Aspekte betrachten und bei der Entscheidungsfindung behilflich sind. Behörden sind aus der Entwicklung von Standards weitgehend ausgeschlossen, weil die dem Gleichbehandlungsgrundsatz verpflichteten gesetzlichen Regelungen eher auf bewährten GAP-Standards beruhen als auf pro-aktiven BAP-nahen freiwilligen Selbstverpflichtungen. Zudem können sie sich nicht oder allenfalls beratend an privaten Diskussionsprozessen beteiligen, die regulative Wirkung im Ausland entfalten (s.o.).

Eine neue Entwicklung im internationalen Standarddiskurs ist die weltweite Beteiligung der Öffentlichkeit über das Internet. Dieses transparente Verfahren ermöglicht es allen Organisationen und Personen ihr Wissen, ihre Kompetenzen und Erfahrungen in die Entscheidungsfindung einzubringen und somit an der Entwicklung von Standards teilzunehmen. Damit wird allen Interessierten, z. B. auch Kleinbauern, indigenen Organisationen und vielen kleineren, lokalen NROs ein Zugang in die Beratungs- und Entscheidungsgremien ermöglicht.

5.3 Beispiele für Internationale Zertifizierungssysteme

[zurück zum Anfang]

Für landwirtschaftliche Produkte gibt es heute zahlreiche Zertifizierungssysteme. Systeme zur Überprüfung der sozialen Leistung und der Umweltleistung eines Unternehmens gibt es dagegen deutlich weniger, und Systeme, die von internationaler Bedeutung sind, kaum.

Die internationalen Zertifizierungssysteme haben viele Gemeinsamkeiten, jedoch auch erhebliche Unterschiede. So beinhalten Systeme von Unternehmensverbänden oder umweltorientierten NROs in der Regel nur schwach ausgeprägte Sozialstandards, wogegen Menschenrechts-NRO deutlich stärker die Sozialstandards berücksichtigen.

FLP (Flower Label Program) entwickelte sich aus der internationalen Blumenkampagne, die hauptsächlich von der Menschenrechtsorganisation „FoodFirst, Informations- und Aktions-Netzwerk“ (FIAN) getragen wird. Das FLP fördert nach eigenem Anspruch weltweit die soziale und umweltverträgliche Schnittblumenproduktion durch universelle Sozial- und Umweltstandards. Die Umweltkriterien für das FLP wurden von der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft mit entwickelt und veröffentlicht (Meier & Feltes, 1996). FLP war damit der erste international anerkannte Standard mit wissenschaftlicher Belastbarkeit in der umwelt- und sozialorientierten Pflanzenproduktion, außer Forst. Später entwickelte internationale Zertifizierungssysteme, nahmen bei der Standardentwicklung methodische und inhaltliche Anleihen bei FLP. Das FLP kann somit zu Recht als „Mutter der Agrarzertifizierung“ bezeichnet werden. Derzeit werden bei FLP die Umweltstandards grundlegend überarbeitet. Elemente der Managementsysteme ISO 14001 (International Organization for Standardization und EMAS (Eco-Management and Audit Scheme) werden stärker berücksichtigt, um dem Unternehmen mehr Selbstverantwortung zu überlassen. Der Zierpflanzenbau wird umfassender definiert, sodass auch andere Produktgruppen von FLP erfasst werden. Neu hinzu kommen die Schwerpunkte Pflanzenquarantäne aufgrund zunehmender phytosanitärer Probleme im globalen Pflanzenhandel (Meier, 2007). Der Klimaschutz ist ein weiterer Schwerpunkt. Mit diesen neuen Schwerpunkten ist das FLP sowohl methodisch als auch inhaltlich Wegbereiter in der internationalen Standardsetzung.

GLOBALG.A.P. (Global Good Agricultural Practice) wurde im Auftrag des Europäischen Handels-Institut (EHI) entwickelt. Zu den 500 Mitgliedern des EHI zählen internationale Handelsunternehmen und deren Branchenverbände, Hersteller von Konsum- und Investitionsgütern und verschiedene Dienstleister. GLOBALGAP versteht sich als ein weltweit genutzter Referenzstandard für „Gute Landwirtschaftliche Praxis“ in den Produktionsprozessen am Weltmarkt. Um Mehrfachauditierungen zu vermeiden, werden gleichwertige Systeme nach einer erfolgreich abgeschlossenen Vergleichsanalyse anerkannt.

FSC (Forest Stewardship Council) wurde 1993 in Folge der Umweltkonferenz von Rio gegründet. Der FSC ist eine nichtstaatliche, gemeinnützige Organisation. Die Organisation wird weltweit von Umweltorganisationen, Gewerkschaften, Interessensvertreter indigener Völker, sowie zahlreichen Unternehmen aus der Forst- und Holzwirtschaft unterstützt.

PEFC (Pan European Forest Certificate) wurde hauptsächlich aus Wettbewerbsgründen, insbesondere als Reaktion auf das FSC entwickelt. Initiator und wichtige Stütze des PEFC ist der Deutsche Forstwirtschaftsrat (DFWR). Der PEFC hat 1999 Leitlinien für eine nachhaltige Waldbewirtschaftung beschlossen. Das PEFC gilt als typisches Beispiel für die Reaktionen der Wirtschaft auf innovative Entwicklungen durch NGOs.

FLO (Fair Trade Labelling Organisation) ist eine internationale Organisation, die landwirtschaftliche Betriebe im Hinblick auf den „fairen Handel“ und den umweltorientierten Anbau fördert. Für diverse tropische und subtropische Kulturen wurden umwelt- und sozialorientierte Standards erstellt, die auf der Grundlage einer Kriterien-Check-Liste von der Partner-Zertifizierungsorganisation FLO-Cert zum Audit genutzt wird. Sie wurden im Jahre 2000 in die Praxis eingeführt.

RA (Rainforest Alliance) ist eine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in New York, die 1987 gegründet wurde, um die Regenwälder zu schützen. In San José (Costa Rica) ist die landwirtschaftliche Abteilung, die seit Ende der 90er Jahre Standards und Kriterien für die „Gute Landwirtschaftliche Praxis“ entwickelt. Die RA ist geschäfts-führendes Mitglied im „Sustainable Agriculture Network“ (SAN). Die Umwelt- und Sozialstandards werden seit 2007 von Wissenschaftlern und Praktikern („International Standards Committee“, ISC) unterschiedlicher Fachrichtungen beraten und vor Inkrafttreten weltweit zur Diskussion gestellt.

RSPO (Roundtable on Sustainable Palm Oil) ist eine Vereinigung von Organisationen, die die nachhaltige Produktion und Verwendung von Palmöl in der gesamten Angebotskette fördert. Darüber hinaus hat sie das Ziel die Kommunikation zu fördern, die Rückverfolgbarkeit des Palmöls zu gewährleisten und Managementpraktiken zu verbessern. Die Produktion und der Handel mit Palmöl soll verantwortungsvoll nach ökologischen, technischen, und sozialen Kriterien erfolgen.

Es gibt Kriterien für nachhaltiges Palmöl, die in einem Audit auf Einhaltung geprüft werden. RSPO hat vor allem das Ziel, bei der künftigen Flächenexpansion von Ölpalmen den hohen Schutzwert von Wäldern und der lokalen Bevölkerung dieser Gebiete zu gewährleisten.

ISCC (International Sustainability & Carbon Certification) ist der zukünftige EU-Nachhaltigkeitsnachweis in der Sicherung ökologischer und sozialer Standards bei der Biomasseproduktion. Den Risiken beim Energiepflanzenanbau soll durch Regelungen und verbindlich einzuhaltende Nachhaltigkeitsstandards begegnet und deren Einhaltung durch das Instrument der Zertifizierung überprüft werden.

ISCC wird im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR) entwickelt. Das umfangreiche Regelwerk enthält u. a. die Verpflichtungen zur Transparenz und zur Einhaltung lokaler, nationaler und ratifizierter internationaler Gesetze und Abkommen. Brandrodungen sind verboten und die Bewahrung natürlicher Ressourcen und Biodiversität ist Pflicht. Nach 2008 dürfen von den am ISCC teilnehmenden Unternehmen keine Palmölplantagen auf Gebieten mit hohem Schutzwert angelegt worden sein.

6 Eine Agrarethik

[zurück zum Anfang]

Ethisch begründetes Handeln in der Land- und Forstwirtschaft, hier unter dem Begriff Agrarethik diskutiert, soll das Handeln in allen Bereichen der Agrar- und Forstwirtschaft nach dem Grundsatz der Folgenverantwortung gegenüber allen Betroffenen beschreiben. Dies schließt die Verantwortung für die Erhaltung natürlicher Kreisläufe, die Wahrung der Menschenwürde, das Leben künftiger Generationen und partizipative Entscheidungsprozesse ein. Agrarethik ist also der Bereich, in dem die ökonomische Rationalität in der Land- und Forstwirtschaft auf deren ethische Vernunft trifft (abgeleitet von Kersting, 1994).

Wenn von der Überzeugung ausgegangen wird, dass nachhaltig erfolgreiches wirtschaftliches Handeln auf Anerkennung moralischer Normen angewiesen ist, wird durch die oben gegebene Übersicht unterschiedlicher Zertifzierungssystemen deutlich, dass diese klar zu formulieren und dann durch- und umzusetzen sind. Die Darstellung zeigt die je spezielle und somit unterschiedliche Schwerpunktsetzung jedes einzelnen Zertifizierungssystems, die je als standardsetzende Motivation zugrunde gelegen haben. Trotz der Unterschiede wird deutlich, dass allen ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein innewohnt und sie mit diesem Instrumentarium eine Agrar- bzw. Forstethik beschreiben und anwenden, die nachhaltiges Handeln als Grundmaxime setzt.

Trattnigg und Krainer (2007) sowie Hoffmann et al. (1997) bedienen sich in dieser Hinsicht des Begriffs der „Kulturellen Nachhaltigkeit“. Erstere beschreiben, wie mit kulturell nachhaltigem Verhalten die Umsetzung nachhaltiger Ideen und Wertvorstellungen einer Agrarethik verwirklicht werden kann und welche Konsequenzen sich daraus für Politik, Wirtschaft, Bildung oder Wissenschaft ergeben. Dabei fragen sie auch danach, welche derzeit dominanten Verhaltensweisen einer „kulturellen Nachhaltigkeit“ in Richtung umfassender nachhaltiger Entwicklung entgegenstehen und wie der Übergang zu neuen kulturellen Handlungsweisen gestaltet werden kann. Die Idee der kulturellen Nachhaltigkeit widmet sich also vor allem der Frage, wie es gelingen kann, in der bestehenden Kultur eine Ethik zu platzieren, die unsere Gesellschaften nachhaltig denken und handeln lässt.

In Unternehmen bezieht sich kulturell nachhaltiges Handeln somit auf die Art und Weise, in der dieses seiner Verantwortung gegenüber der Gesamtgesellschaft im Hinblick auf ein solidarisches Zusammenleben nachkommt und die Ansprüche von Folgegenerationen im Handeln beachtet. Nachhaltiges Denken und Handeln muss in die Kultur des Unternehmens umfassend integriert sein und im Unternehmen gelebt werden, um nachhaltig nach innen und nach außen wirken und die Glaubwürdigkeit des Unternehmens gewährleisten zu können. Über die Forderung an Unternehmen, bestimmte moralische Standards verbindlich sicherzustellen besteht die Möglichkeit, diese im Hinblick auf eine „kulturelle Nachhaltigkeit“ zu bewerten. Ob ein Ethik- oder Werteprogramm in einem Unternehmen gelebt wird oder schlicht aus Marketinginteressen formuliert wurde („green washing“) können Audits z. B. anhand des „Frankfurt-Hohenheimer-Leitfaden“ (FHL, Hoffmann et al.,1997) auf der Grundlage von Standards, die in Ethik-Managementsystemen zur Bemessung der kulturellen Nachhaltigkeit festgehalten wurden, feststellen.

Kulturelle Nachhaltigkeit beschreibt die in kulturspezifischen Handlungen und Gegenständen konkretisierte Ebene einer an Nachhaltigkeit ausgerichteten Agrarethik, die in der praktischen Umsetzung von anderen Nachhaltigkeitsprinzipien mitgeprägt wird.

Ein an der kulturellen Nachhaltigkeit ausgerichtetes Wirtschaften wird deshalb in das Zentrum des Dreiecks gestellt, weil sie Grundlage für die ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit ist und deren Wechselwirkungen in enger Beziehung zueinander stehen. Sie ist über eine entsprechend disponierte Unternehmenskultur die Grundlage des Denkens und Handelns im Unternehmen. Nur so kann Nachhaltigkeit als Ganzes, festgehalten im Leitbild und daraus abgeleiteten Handlungsgrundsätzen, in einem Unternehmen seine Wirkung entfalten und umgesetzt, ja durch die Mitarbeiter gelebt werden.

Ein noch zu lösendes Problem in der Umsetzung ergibt sich aus dem weit gefassten Verständnis von einer Agrar- bzw. Forstethik, die sehr unterschiedliche Standards und Kriterien hervorbringen kann, welche in ihrer Ausrichtung und kulturellen Hintergründe, auf die sich die Nachhaltigkeit bezieht, zu interpretieren sind. Ideal wäre ein allgemeines Regelwerk, welches Standards und Kriterien für alle Zertifizierungssysteme vorgibt, um auf diese Weise einen einheitlichen Maßstab zur Bewertung kultureller Nachhaltigkeit an der Hand zu haben. Auf diese Weise könnten bestehende Produktionsstandards auf dem Weg hin zu einer Agrarethik bzw. Forstethik wertvolle Hilfestellung leisten und darüber hinaus Impulse für ihre Weiterentwicklung bekommen.

7 Literatur

[zurück zum Anfang]

ACHTERHOLD,1991. Corporate Identity. Wiesbaden, Gabler. 91

BALZ et al., 2000: Frankfurt-Hohenheimer-Leitfaden. Gekürzte und wesentlich veränderte Fassung vom Februar 2000 gegenüber der 1997 von Johannes Hoffmann, Konrad Ott und Gerhard Scherhorn herausgegebenen Fassung. http://www.ethisches-consulting.de/frankfurthohenheimerleitfaden/default.aspx; Zugriff 6.11.2009

DETTMANN, 2005: Mit Moral zum Erfolg. Vom Wert der Unternehmensethik für den Geschäftserfolg. Haupt Verlag Bern

FELDMANN, 2007: The Concept of Best Agricultural Practice, Braunschweig, ISBN 978-3-00-021432-5

FRIEDEL und SPINDLER, 2009: Nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume. VS Research, Wiesbaden 503

HOFFMANN, 1997: Zur Frage der Glaubwürdigkeit ethischer Kriterien in der Unternehmensbewertung, in: Ders., Irrationale Technikadaption als Herausforderung an Ethik, Recht und Kultur (Interdisziplinäre Studien: Ethik-Gesellschaft-Wirtschaft 3), Frankfurt/M. 265-284

HOFFMANN, OTT, SCHERHORN, 1997: Ethische Kriterien für die Bewertung von Unternehmen. IKO- Verlag für Interkulturelle Kommunikation Frankfurt/Stuttgart

HOFFMANN, REISCH, SCHERHORN,1998: Ethische Kriterien zur Bewertung von Unternehmen – Bericht über den Frankfurt-Hohenheimer-Leitfaden-. Forum Wirtschaftsethik, 6. Jahrgang, 11

KAATSCH, ROSENAU, TAUBE UND THEOBALD, 2008: Ethik der Agrar- und Ernährungswissenschaften. Lit Verlag Münster, 192

KERSTIN, 1994: Probleme der Wirtschaftsethik. Zeitschrift für philosophische Forschung, 48, 3, 350-371

KOHLHOF, 2002: Ethikmanagement und Banken - Widerspruch oder ökonomische Rationalität? Vortrag auf der Internationalen Konferenz zur

10. Jahrestagung der Banking Institution of Higher Education, Riga. http://www.ethikcolleg.de/docs/frame2.html, Zugriff 06.11.2009

MEIER und FELTES, 1996: Bewertung von Blumenbetrieben in Nicht- EU-Ländern nach ökologischen Standards. Nachrichtenbl. Deut. Pflanzenschutzd. 48, 80-82

MEIER, 2007: Criteria-based and value-oriented agricultural practice in crop-growing companies and its societal benefit. In: Alford, Feldmann, Hasler and von Tiedemann A (eds.): Best practice in disease, pest and weed management. BCPC Symposium 10.-12.6.2005 in Humboldt University Berlin, Germany; Symposium Proceedings 82, 128-129.

NETHÖFEL und MEIER, 2009: Der Innovationsbeitrag einer „Agrarethik“ zur Zukunftsentwicklung ländlicher Räume. In: Friedel und Spindler, 2009: Nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume. VS Research, Wiesbaden 503

SCHEIN,1985. Organizational Culture and Leadership. A Dynamic View. San Francisco, Jossey-Bass.

TRATTNIGG und KRAINER, 2007: Kulturelle Nachhaltigkeit - Konzepte, Perspektiven, Positionen, oekom Verlag München

ULRICH, 1990. "Symbolisches Management" - Ethisch-kritische Anmerkungen zur gegenwärtigen Diskussion über Unternehmenskultur, in: Charles Lattmann (Hrsg.), Die Unternehmenskultur, Heidelberg, Physica-Verlag, S. 277-302.

Inhalt

 

Downloads

 

Konflikte